Vermeidung: die Strategie, die funktioniert
Wenn wir über Vermeidung sprechen, sprechen wir immer auch über Angst – oder zumindest über Unsicherheit. Wir erwarten, dass sich etwas schlecht anfühlen wird, und wir wollen dieses Gefühl nicht haben. Also gehen wir dem aus dem Weg. Eine Form der Regulation ist schlicht, nie dorthin zu gehen, wo die Angst wartet.
Vorab: Vermeidung ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Sie ist die naheliegendste Reaktion, die wir alle kennen. Und der springende Punkt ist: Sie funktioniert. Sobald ich mich von dem entferne, was mir Angst macht, ist die Angst weg – sofort. Das ist die Stärke der Vermeidung, und deshalb greifen wir so bereitwillig zu ihr.
Aber Vermeidung hat einen Preis. Und anders als ihr Nutzen zeigt sich dieser Preis nicht sofort, sondern erst mit der Zeit: Wer vermeidet, erfährt nie, was passiert wäre. Wenn ich eine negative Erwartung an eine Situation habe und nicht hingehe, bekomme ich nie die Gelegenheit zu überprüfen, ob ich recht hatte – oder ob ich falsch lag.
Konfrontation: was im Kopf passiert, wenn wir hingehen
Das Gegenteil von Vermeiden ist Konfrontieren. Und ich weiß, wie das für jemanden klingt, der gerade mit einer Angst ringt: „Genau das, was ich vermeide, soll ich jetzt durchmachen?" Ja – genau das. Und dafür gibt es einen guten Grund.
Unser Gehirn speichert Erwartungen über den Ausgang von Situationen. Wenn ich vermeide, bestätige ich meinem Gehirn: Die Situation war wirklich gefährlich. Wir waren ihr nicht gewachsen. Es war die einzig richtige Entscheidung, nicht hinzugehen. Beim nächsten Mal darf der Alarm also noch lauter schrillen. So wächst die Angst – leise, im Hintergrund, während wir kurzfristig Ruhe haben.
Wenn ich mich der Situation dagegen stelle, passiert etwas anderes: Mein Gehirn kommt nicht umhin abzugleichen, ob die Erwartung mit dem tatsächlichen Ergebnis übereinstimmt. Was man einmal gesehen hat, kann man nicht mehr ungesehen machen – und was man einmal verstanden hat, nicht mehr un-wissen. Meistens stellt sich dabei heraus: Die Erwartung war ein Stück weit daneben. Die befürchtete Katastrophe ist nicht eingetreten.
In der Psychologie nennt man das eine korrektive Lernerfahrung. Sie hat zwei Seiten. Die eine: die Erkenntnis, dass das Schlimmste ausblieb. Die andere – und vielleicht wichtigere: die Erfahrung, ich war stärker, als ich selbst dachte. Ich bin ein Mensch, der da durchgehen kann. Daraus entsteht echtes Selbstvertrauen – nicht als Affirmation, sondern als gelebte Erfahrung. Echtes Zutrauen zu sich selbst, echte Handlungsfähigkeit.
Das soll die Sache nicht kleinreden: Konfrontation ist harte Arbeit und braucht Mut. Kurzfristig ist sie eindeutig der schwerere Weg. Aber während Vermeidung im Verborgenen die Angst wachsen lässt, wächst bei der Konfrontation etwas anderes – etwas, das auf Erfahrung gebaut ist statt auf Befürchtung.
Akzeptanz: die Brücke zwischen beidem
„Konfrontieren statt vermeiden" ist allerdings leichter gesagt als getan. Es braucht eine Brücke, über die man vom Vermeiden zum Konfrontieren kommt – und diese Brücke ist die Akzeptanz. Ich weiß, das ist vielleicht nicht die spektakuläre Technik, die man sich erhofft. Aber sie ist entscheidend, und zwar aus einem präzisen Grund:
Eine Konfrontation wirkt nur dann korrigierend, wenn sie freiwillig geschieht. Wer zu einer Konfrontation gezwungen wird – von außen oder von sich selbst –, macht eine negative Erfahrung, die das Bedrohungsgefühl eher bestätigt als korrigiert. Die Angst wird dadurch größer, nicht kleiner.
Akzeptanz heißt hier nicht, die Angst gut zu finden oder zu mögen. Es heißt: okay damit zu sein, dass es sich vorübergehend nicht gut anfühlen wird. Diesen unmittelbaren, unangenehmen Affekt bewusst in Kauf zu nehmen – weil man verstanden hat, dass mehr in einem steckt als das, was die eigene Befürchtung einem ausmalt. Idealerweise geschieht das in Schritten, die fordern, aber nicht überwältigen: Die Angst darf da sein, aber sie darf einen nicht überrollen. Genau in diesem Bereich sind korrektive Lernerfahrungen möglich.
Angst als Signal
Wenn es gelingt, das unangenehme Gefühl eine Weile auszuhalten – es nicht zu mögen, aber okay damit zu sein –, dann verändert sich etwas. Die Angst verschwindet nicht einfach. Aber wer sie anschauen und ihr zuhören kann, dem beginnt sie etwas zu zeigen.
Denn Angst kommt nicht aus dem Nichts. Sie bewacht in aller Regel einen Bereich, der für den Menschen, der sie empfindet, bedeutsam ist. Man könnte sagen: Je bedeutsamer etwas ist, desto größer wäre der Schmerz, es zu verlieren – und desto stärker reagiert die Angst.
Angst ist nicht angenehm. Aber sie ist nicht zwangsläufig ein Feind. Sie wird zu Information – vielleicht sogar zu einer Art Lehrerin.
Das ist ein deutlich anderes Bild von Angst als das übliche. Nicht etwas, das man bekämpfen oder loswerden muss, sondern etwas, das auf das zeigt, was einem wichtig ist.
Zwei Arten des Leidens: Anna und der Schmetterling
In der Psychologie unterscheidet man zwei Arten von Leiden: natürliches Leiden und Vermeidungsleiden. Eine kleine Geschichte macht den Unterschied greifbar.
Eine kleine Geschichte
Anna ist auf dem Weg nach Hause, als sie einen Schmetterling entdeckt, der gerade dabei ist, sich aus seinem Kokon zu kämpfen. Es sieht mühsam aus, anstrengend, fast quälend. Anna, mitfühlend wie sie ist, denkt: Ich helfe dem Kleinen. Sie öffnet den Kokon, damit der Schmetterling leicht herauskommt.
Heraus fällt ein Schmetterling mit unterentwickelten Flügeln. Er wird nie fliegen können. Was Anna nicht wusste: Das Wachstum der Flügel ist eng an genau diesen Kampf aus dem Kokon gebunden. Der Kampf war keine Grausamkeit – er war die Entwicklung selbst.
Der Kampf des Schmetterlings aus dem Kokon ist das, was wir natürliches Leiden nennen: der Preis, der mit Entwicklungsaufgaben verbunden ist – mit allem, was wir durchstehen und in uns aufnehmen müssen, um Fähigkeiten aufzubauen, die wir brauchen. Manche Kämpfe im Leben kann niemand für uns führen.
Wir haben einen freien Willen, also können wir uns entscheiden, diese Kämpfe nicht zu führen. Aber damit sind wir nicht aus der Sache heraus – wir leiden dann anders. Wie der Schmetterling, der dem natürlichen Leiden entging und nun jedes Mal, wenn er Hunger hat, mit den Folgen konfrontiert ist: Das ist das Vermeidungsleiden.
Interessant daran ist: Wir können nie wählen, ob wir einen Preis zahlen. Wir können immer nur wählen, welchen.
Was das am Ende bedeutet
Angst ist nicht Ihr Feind. Sie ist nichts, das Sie loswerden müssen. Angst will verstanden werden. Und wenn das gelingt, verändert sich nicht nur der Umgang mit der Angst – es verändert sich der Umgang mit sich selbst.